Weitere Aktionen auf dem Ruhr-Reggae-Summer

Nach Informationen aus einem zugesendeten Bericht, haben auch noch Andere den Ruhr-Reggae-Summer für kreative Aktionen genutzt. So hat eine Gruppe beim Auftritt von Capleton eine Fahne der „antihomophoben Aktion“ geschwenkt und damit nicht nur den Sänger sondern auch seine Fan-Gemeinde provoziert. Desweiteren wurden vor dem Konzert entsprechende Papierfahnen verteilt. Zuschauer reagierten auf die symbolische Aktion mit eklatanter homophober Gewaltbereitschaft. Die Fahnen wurden demonstrativ zerrissen – den Verteiler*innen wurde dabei sogar mit Mord gedroht: „So wie diese Fahne brennt, werden auch die Schwulen brennen!“ Auch Andere kündigten ein „Nachspiel“ für die Aktion an. Der anwesende Sicherheitsdienst versuchte, das Schwenken der Fahne zu unterbinden und stimmte durch Beleidigungen in den allgemeinen Tenor ein.

Ein großes Lob geht an die Durchführenden, die mit der Aktion eine tolle Unterstützung der Kampagne geleistet haben!

Flyer sind Verteilt

Mit Transparent und rund 1000 Flyern wurde heute im Eingangsbereich des Ruhr-Reggea-Summer Festivals auf deren Programm mit einschlägigen homophoben Reggae-Künstlern hingewiesen.

Es gab Reaktionen die von Erschütterung über die Infos, über „hab ich ja noch nie so gesehen“ oder „Habt ja recht, aber…“, bis hin zu blöden Sprüchen, homophoben Äußerungen und in Szene gesetztem Flyer-zerreißen reichten. Leider haben die homophoben Reaktionen und das Desinteresse an der Kritik überwogen, wobei zahlreiche Leute sich die Texte interessiert durchgelesen haben. Außer den üblichen homophoben Äußerungen blieb die Aktion ruhig. Sogar Tillman Rudorf (Betreiber des Wuppertaler U-Clubs und Veranstalter des RRS ) kam vorbei, um sich über den ersten Satz des Flyers zu beschweren. Wegen diesem Satz hatte er sich zuvor schon bei den Server-Betreiber*innen dieses Blogs beschwert. Eine ähnliche Beschwerde von den U-Club-Betreiber*innen, gab es auch schon gegen den Blog der Kampagne „U-clubdichtmachen“.

Wenn Besucher*innen des Festivals, die sich als antihomophob verstehen, über Reaktionen, Vorfälle und die Stimmung auf dem Festival berichteten, freuten wir uns sehr, wenn die Texte zu uns geschickt würden.

Capleton soll auf dem Ruhr Reggae Summer auftreten

Wie die Kampagne „U-Club dichtmachen!“ berichtet, soll auch der Dancehall-Artist Capleton auf dem Ruhr Reggae Summer in Mülheim auftreten.

Auf der Homepage des Festivals selber ist er nicht angekündigt. Aber auf zahlreichen anderen Reggae-Seiten wird ein Auftritt von Capleton auf dem Ruhr-Reggae-Summer angekündigt. Er spielte bereits Anfang des Monats auf dem Summerjam in der Nähe von Köln. Capleton singt unter anderem:

„Wenn du nicht auf Mädchen stehst, wird dein Kopf auf die Straße rollen.“
aus Pior Sadam

„Alle Schwulen und Lesben sollten getötet werden.“
aus Give Har

„Du solltest wisen, dass Capleton Arschficker verbrennt. Das selbe Feuer wird gegen Lesben angewand. Sag, ich verbrenne alle solange ich weiß, dass sie schwul sind.“
aus Give Har

„Verbrenn eine Tunte. Lass eine Tunte verbluten.“

Die Besprechung einer DVD mit Live-Auftritten von ihm ließt sich in einem Reggae-Magazin folgendermaßen: „(…) Die ständigen Battyboy und Chichiman Verbrennungen nerven einfach nur noch und stellen die eigentlichen Inhalte seiner Texte völlig in den Hintergrund. Als müsste er seine Hatelyrics in der Hauptstadt der Homosexualität doppelt so oft von sich geben um alles „Böse“ um ihn herum zu vernichten steigert sich Capleton im Verlauf des Konzerts immer weiter in simple und flache Klischees und Vorurteile rein. Ich will keine toten Schwulen in jedem zweiten Satz, ich will so ausgefeilte und intelligente Lyrics wie bei der Acapella Version von „Stay Far“/“Universal“, die für mich den Höhepunkt des Konzerts darstellt (…)“

In Interview begründet er seine Texte mit der Natur, die nur Heterosexualität vorsehe und der Bibel, die Homosexualität verbiete. Der Kampf gegen Homosexualität ist für ihn verbunden mit dem Kampf gegen Babylon. Denn ohne Babylon gäbe es laut Capleton keine Homosexualität auf Jamaika. Gegenüber anderen Interviewern sagte er: „Homosexuality is „against humanity. It´s against your mother, it´s against you father…““ Genau wie Sizzla singt er also nicht nur irgendwas daher, was die Leute hören wollen, sondern ist davon überzeugt eine Botschaft zu haben, die er mit seiner Musik verbreiten will.

Unterstützung

Die Initiative „fight homophobia!“ zählt auf Eure Unterstützung. Verlinkt den Weblog und verbreitet den Aufruf. Eine Kopiervorlage gibt es hier!

Banner zum Verlinken der Kampagne:

fight homophobia! – Kritik am Ruhr Reggae Summer Mülheim

„Three Days of Love, Peace and Music“ versprechen die Veranstalter des „Ruhr-Reggae-Summer“ (23. bis 25.07.2010) in Mülheim an der Ruhr. Doch was hat Reggae mit „Love and Peace“ zu tun, fragen wir uns angesichts der vielen Reggae-Künstler*innen, die Frauenfeindlichkeit und Schwulenhass performen. Es gibt zahlreiche Reggea-und Dancehall-Sänger, die auf der Bühne zum Ermorden und Lynchen schwuler, lesbischer und queerer[1] Menschen aufrufen. Doch es geht nicht nur um diese Hassprediger, die davon singen, Schwule zu erschießen und propagieren, dass Sex nur als heterosexueller Penetrationssex[2] stattfinden darf, sondern um ein grundlegendes Problem von Reggae-Songs und Reggae-Kultur. Doch dazu später – denn einer dieser Hassprediger spielt am nächsten Wochenende auf dem Ruhr Reggae Summer: Mr. Vegas. Wie Sizzla, Capleton und andere Sänger, ruft auch Mr.Vegas zum Mord an Schwulen auf.[3]

Häufiger geht es bei ihm jedoch darum, Heterosexualität als einzige mögliche und legitime Form der Sexualität darzustellen. So spricht er Frauen die Fähigkeit ab miteinander Sex zu haben zu können.[4] Diese Heteronormativität[5] geht einher mit einem extrem frauenfeindlichen Sexismus. So singt Mr. Vegas in „Dont´t Stop“ z.B.: “So come on, every guy, grab a girl.“ Grab bedeutet sich etwas nehmen. So ist „to grab a beer“ ein häufig verwendeter Ausdruck für „sich ein Bier aus dem Kühlschrank nehmen“. In dem Lied werden Frauen als etwas Konsumierbares dargestellt, als etwas, was Mann sich nehmen kann, ohne nach Zustimmung zu fragen. Soll so ein sexistischer und homophober[6] Typ wirklich abgefeiert werden?

Dass mit Mr. Vegas ein Sänger, der gegen schwule, lesbische und queere Menschen hetzt, auf dem „Ruhr Reggae Summer“ auftritt, ist nicht verwunderlich. Denn Veranstalter des „Ruhr Reggea Summer“ sind Tilmann Rudorff und Henning Schmalenbach von U-Concert, die Macher des Wuppertaler U-Clubs. Der U-Club erlangte bundesweite Berühmtheit als Club, in dem in den letzten Jahren regelmäßig die „größten“ Propagandisten des Hasses gegen Schwule aufgetreten sind. Seit dem Herbst 2009 sieht sich der U-Club vermehrt öffentlichem Druck ausgesetzt, u.a. durch die Kampagne „U-Club dichtmachen“. Nachdem es in den Jahren zuvor immer wieder Proteste gegen Konzerte gab, sahen sich die Macher des U-Clubs nun zum ersten mal gezwungen, öffentlich Stellung zu beziehen. Aus ihren Stellungnahmen lässt sich jedoch nur eine Beschwichtigungspolitik und kein klarer Standpunkt gegen Sexismus und Homophobie erkennen. Dies bestätigt sich auch durch ein Open-Air-Konzert mit Sido und Harris in Wuppertal und der Auftritt von Mr.Vegas auf dem „Ruhr Reggae Summer“. Aufgrund langjähriger Erfahrungen ist auch davon auszugehen, dass auf diesem Festival von den Soundsystems Battyman-Tunes[7] und andere homophobe Songs aufgelegt werden. „Andere homophobe Songs?“ Ja, denn Homophobie beginnt nicht mit dem Aufruf zu Mord an Schwulen. Ein solcher ist nur die absolute, unerträgliche Spitze. Homophobe Songs sind auch solche, in denen Homosexualität ausdrücklich als schlecht, minderwertig, unnatürlich abgelehnt wird. Homophobe Songs sind z.B. auch solche, in denen der Sänger – wie Mr. Vegas – behauptet, dass nur Männer Frauen befriedigen können. Homophobe Songs sind auch solche in denen „schwul“ und ähnliche Wörter „nur“ zum Dissen anderer Künstler*innen benutzt werden, denn auch hierin liegt eine Bewertung von Homosexualität als etwas Negatives – sonst würde das Wort nicht als Diss taugen.

Genau wie homophobe Lieder eine große inhaltliche Spannbreite haben, ist auch Homophobie jenseits der Bühne extrem vielfältig. Von der Benutzung des Wortes „schwul“ als Schimpfwort, über das Lustig-machen über (vermeintliche) Schwule bis hin zu körperlichen Angriffen ist die gesellschaftliche Ablehnung von Homosexualität und Homosexuellen deutlich spürbar. Im angeblich fortschrittlichen Deutschland finden tagtäglich in unterschiedlicher Ausprägung antischwule und antilesbische Äußerungen und Angriffe statt. Dieses gesellschaftliche Klima führt dazu, dass schwule, lesbische und queere Menschen nicht so offen wie Heterosexuelle leben können. Mit dem Partner auf der Straße Händchen zu halten, ist für die meisten Männer keine Selbstverständlichkeit, da sie sich dadurch negativen Reaktionen aussetzten. Dies beginnt bei Blicken, die besagen „Das ist doch anormal!“, geht über Getuschel und verbaler Anmache bis hin zu körperlichen Angriffen. Das dies das Leben von Menschen beeinflusst ist schlimm genug, führt in vielen Fällen jedoch zu Depressionen und Suizid(versuchen). Auch Mord an schwulen, lesbischen und queeren Menschen ist gesellschaftliche Realität.

Entgegen der Selbstwahrnehmung ist auch innerhalb der deutschen Reggae-Szene Homophobie stark verbreitet. Diese reicht von der allgemeinen gesellschaftlichen Homophobie bis hin zu speziellen Argumentationsmustern wie der Imagination einer übermächtigen Schwulen-Lobby. Eine ernsthafte Auseinandersetzung mit bzw. Distanzierung von Homophobie findet sich beim Lesen der einschlägigen Foren, Blogs und Zeitschriften kaum. Selbst Augenzeugenberichte von Übergriffen auf Reggae-Partys werden als Gerüchte oder Lügen dargestellt, um sich und die Szene weiterhin als Opfer der Schwulen-Lobby begreifen zu können. Der Aussage „Ich hab nichts gegen Schwule“ folgt meist im nächsten Satz die Feststellung, dass das aber „unnatürlich“ und/oder „ekelig“ sei. Ein konsequentes Angehen von Homophobie im Reggae, dass dazu führen würde nicht auf die Konzerte von Sizzla zu gehen, nicht den neusten Tune von Capleton aufzulegen oder nicht auf der selben Bühne wie Buju Banton aufzutreten, ist uns bisher kaum begegnet. Daher kann es bei einer Kritik an homophoben Reggae nicht nur um Jamaika und jamaikanische Künstler*innen gehen, sondern besonders darum, dass zehntausende Menschen diese Leute hier abfeiern. Jedoch ist es kein Zufall, dass Homophobie gerade in Reggae-Songs so oft präsent ist. Denn Homophobie ist Teil der Rastafari-Religion.[7] Daher sind nicht nur einzelne Sänger*innen das Problem – auch wenn deren Hass nicht durch deren Herkunft zu rechtfertigen ist, da jede*r für sein Handeln selbst verantwortlich ist. Nicht nur für die Ursprünge des Reggae war Rastafari relevant. Die Inhalte vieler Songs und auch die Reggae-Kultur jenseits der Lieder, z.B. Kleidung und Frisuren sind eng mit der Rastafari-Religion verknüpft. Einer Religion, die einem Gott huldigt, der laut seinen Anhängern nicht möchte, dass Menschen gleichen Geschlechts Spaß miteinander haben, der nicht möchte, dass Menschen individuelle Entscheidungen treffen, sondern sich so verhalten wie es das Kollektiv von ihnen verlangt. Ein Gott der nicht will, dass die Menschen da wo sie sind für ein gutes Leben für alle streiten, sondern in Hoffnung auf ein fernes „Back to Africa“ oder „Zion“ leben. Daher sind nicht nur die offenen propagierten Todesdrohung gegen Menschen, die nicht der sexuellen und geschlechtlichen Norm entsprechen, abzulehnen. Jedes Preisen von „Jah“ auf der Bühne ist Teil der Ideologie, die dazu führt dass Männer aufgrund von „femininem“ Aussehen gelyncht werden.

Angesicht dessen, dass auf dem Reggae-Summer-Festival mindestens[9] ein Künstler spielt, der gegen schwule, lesbische und queere Menschen hetzt, verstehen wir nicht, dass 1live das Festival sponsert. Angesicht dessen, dass zu erwarten ist, dass von den Soundsystems Battymann-Tunes und andere homophobe Songs aufgelegt werden – denn diese Songs sind oft die, die den meisten Forward kriegen und laut Aussage mehrerer DJs ist es aufgrund der Vielzahl der Songs bei denen zumindest am Rande homophobe Äußerungen enthalten sind, kaum möglich keine aufzulegen – verstehen wir nicht warum die Städte Mülheim und Oberhausen Gelände für das Festival zu Verfügung stellen. 1live zeigte bisher eine besondere Ignoranz gegenüber der Hasspropaganda. Präsentierte der Radiosender doch sowohl in diesem wie auch in den letzten Jahren auch den Summerjam, wo allein in diesem Jahr mit Capleton, Shabba Ranks und Mr.Vegas mindestens drei Sänger auftraten, die den Mord an schwulen Menschen abfeiern. Wir erwarten sowohl von 1live als auch von den Städten Mülheim und Oberhausen, dass sie Verantwortung für ihre Unterstützung der Propagierung von Sexismus und Homophobie übernehmen und Stellung dazu beziehen!

[1] Wir benutzten das Wort für Menschen, deren Geschlecht und/oder Begehren von der heterosexuellen und zweigeschlechtlichen Norm abweicht.
[2] Genauer gesagt nur im Schema männlicher-Mann-fickt-ausschließlich-weibliche-Frau.
[3] „ChiChiMan burn them all“ aus Nah Promote – Warum dies mehr als eine harmlose Metapher ist, wird im Aufruf von http://uclubdichtmachen.blogsport.de erklärt
[4] Z.B. in „Cocky she want“ „a girl never can fuck you“ . Das Zitat bezieht sich auf Lesben.
[5] Dies bedeutet, dass Heterosexualität als gesellschaftliche Norm gesetzt wird. Die Grundannahme ist, dass jede Person heterosexuell ist. Alle anderen werden als Abweichung angesehen und sowohl unsichtbar gemacht, als auch durch subtilen oder offenen Zwang zur Heteronormalität gedrängt. Dies beinhaltet auch, dass alle Menschen entweder eindeutig Frau oder eindeutig Mann sein müssen.
[6] Homophobie: Jegliche Abwertung von „gleichgeschlechtlicher“ Liebe und Sexualität. Dies beinhaltet oft auch eine Abwertung vom Menschen, die nicht den weiblichen und männlichen Normen entsprechen.
[7] Ausdruck für Reggae- oder Dancehall-Songs, in denen zum Mord an nichtheterosexuellen Personen aufgerufen wird oder dieser als positiv dargestellt wird.
[8] Wie fast alle Religionen.
[9] Auch Ganjaman hat sich in Interviews homophob geäußert.